 1. Le sort ( das Los ) Luc blickte hinunter von der südlichen Eisenbahnbrücke
in den mitreißenden Sog des schmutzig gequirlten Wassers und ihm
war, als schwanke die Brücke. Für einen schreckhaften Augenblick
sah er ganz deutlich vor sich, daß er da jetzt runter springen könnte.
Oder sollte.
Oder nicht?
>Komisch<, dachte er im Weitergehen, jedes Mal, wenn
er irgendwo hinuntersah aus so großer Höhe, erfaßte ihn
dieser Sog und ziehende Schwindel, der ihn kurz schuddern machte, sodaß
er sich schnell wegdrehen mußte. Und jedes Mal am Ende der Südbrücke,
die Poller Wiesen als grünen Abgrund direkt unter sich, wenn Luc sein
Rad schob, ein uraltes Peugeotsportrad mit Macken und Dreigangschaltung,
fiel ihm der junge namenlose Künstler ein, der ellenlang gewesen sein
soll mit frechen Glubschaugen und der seine Länge auch nie durch einen
schüchternen Buckel zu verbergen versucht hat. Man hat ihn oft mit
kerzengeradem Rücken hochaufgerichtet auf seinem Rad gesehen, Lenker
und Sattel bis zum Geht-nicht-mehr herausgezogen. Er fuhr immer sehr schnell,
den Kopf leicht zurückgebogen mit Haaren wie elektrisch wegstehend
und auf den Lippen ein naiv erstauntes Lächeln wie ein Kind.
Auf einer Party hatte er jene letzte Nacht verbracht und
sich bei den Freunden schon abgemeldet, wollte auf unbestimmte Zeit in
Urlaub fahren. Keiner wußte, wohin und für wie lange er wegwollte
und deshalb hatte ihn auch niemand vermisst in den sechs Wochen, in denen
er ohne jegliche Identität im Leichenschauhaus lag. Auf dem Weg nach
Hause spät in jener Nacht war er hier über die Südbrücke
gefahren mit seinem hohen Lenker und muß wohl am Geländer hängengeblieben
sein, genau über dem Pfeiler, neben dem er unten aufschlug.
Sein Rad hatten sie nie gefunden.
Seit Luc diese Geschichte kannte, schob er hier sein Rad,
wenn er vom Boulespielen aus dem Hindenburgpark kam, den sie seit ein paar
Jahren Friedenspark nannten, weil es scheinbar so viele politisch Engagierte
gab in der Südstadt.
Ali war gut drauf gewesen, Manni auch. Wenn sie so wie
heute nächste Woche in Bad Godesberg schießen und legen werden,
konnten sie sich schon was ausrechnen, so wie in Essen vor drei Wochen
oder in Erftstadt zuvor, wo sie im Halbfinale sogar die zwei Algerier geputzt
hatten.
Heftiger Wind begann. Die aufziehende Nacht wischte das
letzte Abendrot aus den Baumwipfeln oben auf dem Damm, während vom
Westen eine dunkle Wolkenwand regenschwer herankroch. Schafe waren nun
nicht mehr auf den Wiesen zu sehen, nur einige Wildcamper in flatternden
bunten Zelten. Die anderen hatten noch weiter spielen wollen, aber Luc
hatte keine Jacke dabei und hätte wetten können, daß es
bald junge Hunde regnen würde. Seine rechte Hand war wie meist von
der dreckigen Erde Kölns schwarz im Gegensatz zur Linken, die nur
den Lappen hielt.
Eine knallblaue Yacht namens Elly unterquerte ihn, ohne
eine schöne Frau an Bord. Luc schulterte das Rad und trat in das rotgemauerte
Treppenhaus, herunter in eine Kühle voller Graffitis und Uringestank.
Ein Güterzug rumpelte höllenlaut über ihn hinweg.
Er könnte heute mal am alten jüdischen Friedhof
an Gremberg vorbei durch Vingst fahren und würde dann von hinten Kalk
erreichen, wo er wohnte. Draussen blickte er zurück und versuchte
zu ermessen, wieviel Zeit ihm das Unwetter noch lassen würde.
Durch die Sehschlitze seines Briefkastens schimmerte matt
etwas Hellgraues, das er herausholte. Zwei Briefe mit Aufdruck >Stadt-Köln<.
Er warf sie oben auf seinen Eßtisch, wusch sich die Hände und
fand noch eine Flasche Kölsch im Kühlschrank.
Der eine Schrieb war vom Arbeitsamt mit der freundlichen
Aufforderung zu einem Computerkurs, Beginn in drei Wochen. Das Blatt Papier
lag schwer in seiner Hand, recyclinggrau wie Klopapier und anziehend wie
eine gebrauchte Einwegspritze im Gulli. Er steckte es zurück ins Couvert
und legte den Brief hinter sich ins Regal, Ecke rausguckend, wo das Ganze
erstmal eine ganze Weile liegen konnte.
Der andere Brief kam von der Kripo Köln - Auskunft
erteilt Hauptkommissar Niedel-Scherer - in dem sie ihm mitteilten, daß
sich seine Papiere wieder eingefunden hätten.
>Sehr geehrter Herr Springer, bezugnehmend auf Ihre Anzeige
vom 28.7. vergangenen Jahres, in der Sie beim Kalker Revier den Verlust
Ihrer Papiere gemeldet hatten, können wir Ihnen nunmehr mitteilen,
daß . . .
. . . abzuholen im Polizeipraesidium Waidmarkt bei Kommissar
Liesegang, Zimmer 203.<
>Nicht zu fassen!<
Damit, daß die sich nochmal finden, hatte Luc nicht
mehr gerechnet. Er lief ja schon die ganze Zeit mit Ersatzpapieren rum.
Merkwürdigerweise war ihm kein finanzieller Schaden entstanden. Die
Bank hatte gleich am nächsten Tag das Konto gesperrt und ihm ein neues
Kennwort gegeben, aber bis dahin hätten die ja schon alles abheben
können. War ja nicht viel drauf auf seinem Konto, aber immerhin .
. .
Bereits zum Schlafen fertig in einem großen weißflauschigen
Saunamantel, schob er aus Gewohnheit seinen Nesselvorhang beiseite, blickte
hinunter in die ersten dicken Tropfen, die auf die Eythstraße schlugen
wie kleine zerplatzende Eier, dann hinüber zur anderen Seite auf das
uralte hellblaue Neonband mit dem schrägen Schriftzug >Modefriseur<,
was mal lange vor seiner Zeit der letzte Schrei gewesen sein mußte.
Das Fenster im zweiten Stock vis à vis war dunkel, stellte er ein
wenig enttäuscht fest. Manchmal war da diese Polizistin zu sehen,
die in ihrer Wohnung überhaupt nicht danach aussah, wenn sie ruckartig
und kräftig ihre Haare bürstete in einem übergroßen
karierten Männerhemd und die Brüste dabei leicht mitwippten.
Daß sie bei der Polizei war und Tina hieß, hatte er zufällig
auf der Hauptstraße mitbekommen, als er sie in Uniform da stehen
sah mit langen Bergheimer Minilöckchen, in gehörigem Abstand
zu ihrem Kollegen, die Arme verschränkt und Kaugummi kauend. Ihr Partner
kontrollierte zwei ausländische Finstermänner und rief sie zwischendurch
einmal bei ihrem Namen. Geredet hatten sie noch nie miteinander, nur nachbarschaftlich
zugenickt auf der Straße. Eigentlich war sie nicht sein Typ, aber
hinschauen mußte er doch immer wieder.
Die beiden Frontzimmer, eines davon die Küche, waren
über einen langen, schmalen Flur mit dem hinteren Teil der Etage verbunden,
den Theo bewohnte. Vor der beständig unverschlossenen zweiten Tür
lag ihr gemeinsames Klo, einem blätternden kleinen Fenster gegenüber
mit Blick auf drei Garagen und zwei Werkstätten, zwischen denen ein
paar Restbäumchen vereinsamten. Luc öffnete mit einem Ruck das
leicht klemmende Fenster und ließ auch die Klotür offenstehen,
denn die Luft im silbrigen Halbdunkel roch stickig und abgestanden. Luc
klopfte zweimal vergeblich und betrat eine Stille, die viel stiller schien
als sonst bei Theo's Abwesenheit.
»Theo? Bist du da?«
Luc stieß mit dem Fuß gegen einen Kochtopf,
der polternd unter die Anrichte kullerte, eine rotglitschige Spur kalter
Nudeln ziehend.
»Sauerei!«
Er horchte den Flur mit der Kochnische entlang ins Durchgangszimmer,
wagte aber nicht, Licht zu machen. Er durchschritt den vorderen Raum, ein
ungemachtes Ausziehsofa zur Rechten, links vor dem Fenster ein überquellender
Tisch, Zeitschriften und Essensreste. Der hintere Raum war früher
sicher ein Wohnzimmer, jetzt aber etwas für Luc noch Namenloses, denn
es gab nichts mehr zu wohnen, kein Sofa, keinen Couchtisch oder Teppich,
Schrank oder ähnliches, nur Metallregale an drei Wänden und in
der Raummitte die Fahrerzelle eines alten Mercedes 220 SEL ohne Blechhülle
und ohne Steuer, sentimentale Überreste eines Totalschadens. Dieser
Autotorso, festgeschraubt auf die Dielenbretter, schien reglos auf die
zwei hohen Altbaufenster zuzulaufen. Wo sich einst eine Windschutzscheibe
wölbte, schwiegen nun geheimnisvoll drei Monitore, tote Augen in der
Finsternis der Dinge. In das Armaturenbrett aus Mahagoni waren penibel
genau verschiedene Laufwerke eingepasst, darunter reihten sich Videorecorder,
ein Laserdrucker sowie die Ablage für die Tastatur aneinander, die
Theo immer auf den Schoß nahm, sobald er es sich in den goldgelben
Ledersitzen bequem gemacht hatte.
Theo war regelrecht süchtig gerade nach all dem,
was Luc ängstlich aus seinem Leben raushalten wollte, nämlich
nach jeglicher Art von Bildschirm, in dessen Strahlen er seinen blass-blonden
kurzrasierten Schädel hielt, versunken dann wie früher nur Mönche.
Luc wurde das beklemmende Gefühl nicht los, daß
hier etwas nicht stimmte. Dinge wirken ja immer verlassen und seltsam absurd,
wenn der, zu dem sie gehören, nicht da ist, ein Chaos von Kinderzimmer
ohne Kind oder ein frischgemachter Partyraum vor den Gästen.
Alles in diesem Raum gruppierte sich um Theo's Ego, war
auf ihn zugeschnitten wie ein Luxusanzug von Armani. Luc konnte der Versuchung
nicht widerstehen, sich auf dem Fahrersitz niederzulassen. Diese Ledersessel
waren wirklich vom Feinsten, das mußte Luc immer wieder zugeben.
Sie schmiegten sich herrlich an und gaben einem das tolle Gefühl,
gleichzeitig >on the road< und doch ganz gemütlich zu Hause zu
sein. Theo hatte alles in Griffweite, seine verschiedenen Fernbedienungen,
den Aschenbecher, eine Kühlbox voller Dosenbier, oben am Holm der
Karosserie zwei Kopfhörer, da, wo einmal Flügeltüren angebracht
waren - und vor allem den kostbar glänzenden Steuerknüppel, umgebaut
zu einem Joystick. Man konnte Fernseh gucken, Musik hören, spielen,
im Internet rumschmökern, einen alten Film aufnehmen und sich am Arbeitscomputer
dreidimensionale Gebilde basteln, zur Not alles auf einmal und das tat
Theo tatsächlich oft gleichzeitig.
Alles war zur Hand, war problemlos erreichbar, nur Theo
nicht.
Luc verließ die Wohnung so leise, als wolle er Theo's
Schlaf nicht stören.
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