Hartmut
Zänder
Magenta Marias
. . . essay. . . magenta is mine! . . . most recent common ancestor
 
"Magenta Marias" ist der Titel einer Serie von fast 300 Frauenportraits, die für zwei unterschiedliche Formate konzipiert sind. Einmal als handkolorierte Unikate (DIN-A4, beidseitig Acryl auf transparenter Druckerfolie). Zum anderen, den Bleistiftzeichnungen folgend als Netzwerk von eingescannten Schwarz-weiß-Bildern, im Internet unter www.zaender.com/ur/magenta/marias.htm zum freien Herunterladen gesammelt und neu geordnet. Dieses Netzwerk folgt in der Nummerierung der Logik der jüngeren genetischen Klassifizierungen, die die mütterlichen Herkunftslinien anhand mitochondrialer Haplogruppen untersucht.
Mitochondrien sind winzige Organismen, die zu Millionen all unsere Zellen bevölkern und deren Sauerstoff- und Energiehaushalt steuern. Sie verfügen über eigenes Erbgut, das im Vergleich zu unserem kompletten Gencode geradezu überschaubar ist mit seinen 16.500 Basenpaaren, wovon nur die beiden nichtkodierenden Kontrollregionen von etwa 500 Basenpaaren von wissenschaftlichem Belang sind. Für die neuere Forschung sind Mitochondrien deshalb so interessant, weil sie als sehr alte Organismen äußerst stabil sind, nur etwa alle 20.000 Jahre mutieren und dabei ausschließlich maternal vererbt werden. Auf diese Weise konnten in den letzten 25 Jahren die wesentlichen Herkunftslinien der jungen Hominidenrasse Homo sapiens sapiens in einem mütterlichen Stammbaum mit all seinen Verästelungen in groben Zügen bestimmt werden. Als gemeinsame Vorfahrin wurde eine, salopp "mitochondriale Eva" genannte Frau vor ca. 160.000 Jahren in Ostafrika ausgemacht. Ein weitgehend deckungsgleicher Stammbaum wurde für die männlichen Linien über die Erforschung der nur paternal vererbten Y-Chromosomen erstellt. Die Nomenklatur arbeitet in beiden Fällen mit Buchstaben und Ziffern für Untergruppen, leider nicht kompatibel. Bei den Frauen ist Haplogruppe L die afrikanische Ausgangslinie, von der Untergruppe L3* zweigten vor ca. 60-70 Tausend Jahren die beiden Superhaplogruppen M und N ab, zu denen alle Nichtafrikaner gehören.
Der englische Genetiker Bryan Sykes, bekannt unter anderem durch seine Untersuchung von Ötzi, hat sich bemüht, der trockenen genetischen Nomenklatur, eingeführt von dem Italiener Antonio Torroni, etwas mehr Leben einzuhauchen, indem er den Haplogruppen richtige Namen gab und die jeweils letzte gemeinsame Ahnin zur Klanmutter hochstilisierte. In seinem Buch "Die sieben Töchter der Eva" stellt er so die Klans der Ursula, Helena, Velda, Jasmin, Tara, Katrin und Xenia zusammen. Wir stehen zwar erst am Anfang dieser neuen Betrachtungsmöglichkeit, aber bereits jetzt finden und formieren sich die ersten Angehörigen derselben Klans auf zahlreichen Internetseiten.
Meine Zeichenserie soll einen vergleichbaren Versuch darstellen, diesen gemeinsamen Vorfahrinnen, Klanmüttern ein individuelles Gesicht zu geben. Deshalb ist jedem Portrait die Haplogruppenbezeichnung beigegeben, in der Farbe Magenta deshalb, weil um die Jahrtausendwende das Gerücht kursierte, der Konzern Telekom wolle sich diese Farbe als Gebrauchsmuster schützen lassen. Auch wenn ein solch unverfrorener Versuch nicht von Erfolg gekrönt sein konnte, zeigt sich doch eine klare Profitorientierung bei Dingen, die eigentlich Allgemeingut sind.
Vor einigen Jahren wurden, von internationalen Pharmariesen gesponsort, Helfer von durchaus idealistischer Gesinnung in alle Welt ausgeschickt, um bei soviel kleinen indigenen Völkern wie möglich Blutproben zu nehmen, angeblich, um die Vielfalt des globalen genetischen Erbguts in einer Datenbank zu sichern und erhalten. Offenbar gibt es bei diesem löblichen Unternehmen aber doch weniger selbstlose Hintergedanken. Es lassen sich bei all diesen Genfolgen mutierte Schnipsel finden, die Enzyme auf ganz besondere Art spalten können. Wem denn diese Gene eigentlich gehören, fragt sich spätestens, wenn man zusehen muß, wie eine schwedische Firma ohne Rückfrage bei den Trägern einen solchen Schnipsel dazu verwendet, eine neue Joghurtmarke auf den Markt zu bringen, natürlich ordentlich patentiert. So dankbar man der genetischen Forschung sein muß, daß sie endlich den unumstößlichen Beweis angetreten hat, daß es nur eine einzige junge menschliche Rasse gibt und sich spätestens ab heute jede Form von Rassismus ein für alle Male verbietet, auch wenn dies bereits früher viele mutige Köpfe eingeklagt haben. Bedenklich aber stimmt, daß ähnlich dem Prozess im Umgang mit Nutzpflanzen, all den transgenen Reis-, Raps- und Weizensorten, die die Vielfalt genetischer Lebensformen an den äußersten Rand der Existenz drängen, das, was allen gehört, also Allgemeingut ist, in den exklusiven Besitz einiger Konzerne übergehen soll. Bestes Beispiel ist vielleicht das Vorgehen der Firma Monsanto auf dem indischen Kontinent. Mit ihrer transgenen, vorgeblich schädlingsresistenten Baumwollsorte ist es ihnen mit aggressiven Verkaufspolitik gelungen, aus zuvor recht autonomen Bauern Abhängige zu machen, die wegen der künstlichen Unfruchtbarkeit dieser Sorte jedes Jahr neues Saatgut gezwungen sind zu kaufen. Sie verschulden sich, müssen ihren Boden verkaufen, werden in den Ruin und nicht selten in den Selbstmord getrieben. Diese Art von Wirtschaftspolitik nenne ich "Culture of profit", gegen die die nicht formierte "Culture of respect" schlechte Karten hat. Diese beiden Beteiligten im globalen "Clash of cultures" unterscheiden sich in der Art ihrer Lebensbewertung, die Haltung des Respekts hat immer dessen Qualität vor Augen, sie erlaubt und fordert das Zurückblickenkönnen des Anderen, sie erfreut sich an seiner Einzigartigkeit, seiner Individualität und wehrt sich deshalb gegen seine Reduktion auf das bloße quantifizierte Dasein als User oder Consumer.
Die europäische Marienverehrung gründet in diversen älteren Kulten, dem der Mittelmeergöttinnen Isis, Ishtar, Hera, Diana oder der germanischen Matronen und versammelt neben den paternalen Hauptgöttern all die warmen, gütigen, entrückten Blicke, aus denen die Kraft der Frauen spricht.
Mir schwebte bei meinen Portraits, individuellen Gesichtern aus Filmen, dem Internet, aus alten ethnographischen Büchern und dem realen Leben gesammelt, etwas von diesem Ikonencharakter vor, Antlitze, die zurückblicken können, die in der heutigen Zeit leben, die in unterschiedlicher Weise einen gültigen Ausdruck einer echten Klanmutter vermitteln können.
Das soziale Netzwerk der "Magenta Marias" sollte als Hommage ein plausibles Gesicht erhalten.

Köln im April 2007
 

 
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