Mr. Big Bang: So nenne ich den vertrauten kalten Krieger,
eine Mixtur aus Gilgamesch, Prinz Eisenherz, Philip Marlow und Rambo, der
uns als Held aus all den James Bond-Streifen entgegentritt. Aus Standbildern
der ersten 15 Bondfilme habe ich eine Sammlung von 120 Zeichnungen zusammengestellt,
die als »Schule der Sprenglebendigkeit« einen Themenkreis der
Serie Orbis TV pictus beleuchtet.
Diese Filme sind reine Unterhaltungsfilme, d.h. sie sind zwischen den ernsten
Dingen des Lebens angesiedelt. Bond ist Geheimagent im Auftrag, er soll
für seine Regierung, für die Konstrukteure und für uns nachgucken,
ob sich im Geheimen und Verborgenen, dem, was längst nicht mehr einsehbar
ist, weil es ohne Unterbrechung rund um die Uhr geschieht, neue Kräfte
bilden, die sich terroristisch unserer Computersteuerung und der Atomkraft
bemächtigen wollen. Diese virushaften, bösen Kräfte hat er
aufzuspüren und mit seiner Lizenz zu töten unschädlich zu
machen. Er gehört somit zum Immunsystem des modernen, kybernetischen
Kultur- und Industrieorganismus, der auf Selbststeuerung, Homöostase,
balance of powers ausgerichtet ist.
Mr. Big Bang läßt uns träumen, daß die Fülle
der realen Bedrohungen, die unsere heutige Schnittstellenwelt durchzieht,
in vereinzelten Bösewichtern oder Terrororganisationen lokalisiert
und vernichtet werden kann.
Wir sollen glauben, daß das Verbrecherische und Böse immer nur
mit einzelnen Eindringlingen, Störenfrieden und Tyrannen zu tun hat
und nicht mit der Struktur des zivilatorischen Systems selbst. Auch viele
Krimis, ob geschrieben oder verfilmt, fassen das Kriminelle gewöhnlich
als Störung der Kultur- und Rechtswelt auf und unterschlagen die simple
Tatsache, daß alle unsere Kunstwelten schon ein Durchbrechen (crimen)
und Verdrehen ursprünglich wilder Naturgegebenheiten darstellen.
Filme spielen mit von der bildenden Kunst lange zuvor erarbeiteten Bildern,
die jeweils zu einem Blick zusammenfassen, wie Wirkliches gesehen und verstanden
werden kann und setzen diese Bilder in Bewegung, inzwischen immer schneller
und atemberaubender. Für die Zeichnungsserie OTVP schaue ich mir diese
bewegenden Motive einzeln in Standbildern an, zeichne sie vor dem Monitor
und ordne sie zu kleinen Dreibildeinheiten, für mich visuelle Haiku,
um sie in solcher Brechung wieder sichtbar und besinnbar zu machen. Ich
betrachte Filme generell als eine Art von Schule, die uns Sichtweisen, Einstellungen
und Auffassungen anbietet, wie mit Wirklichem umzugehen ist.
Die Bondfilme geben sich als reine Fiktion und lassen in ihrer parodistischen
Überdrehtheit keinen Zweifel aufkommen, ob wir Entscheidendes nicht
doch für bare Münze nehmen sollten. Was mich an ihnen wegen seiner
bestechenden Logik anzieht, sind die verschiedenen Bilder von Spannern mit
all ihren optischen Geräten, den dazugehörigen Sexualobjekten,
den eingesperrten und manchmal rausgelassenen wilden Tieren, den diversen
Fahrzeugen, den teuren Tourismusschauplätzen und vor allem, wie ständig
etwas in die Luft fliegt. Für die ganzen Nach-Bond-Actionserien existiert
schon eine eigene Autocrash-Industrie.
Andauernd explodieren Autos, Häuser, sogar Leute, was anscheinend immer
wieder gern gesehen wird.
Ich behandle die Bondfilme als eine »Schule der Sprenglebendigkeit«,
die uns Muster an die Hand geben soll, wie wir die in ihrer Konsequenz unausdenkbaren
Explosionen nicht vielleicht doch vereinzelt ein bißchen denken und
angucken können.
Die ausgewählten Motive decken sich nicht unbedingt mit dem, was die
verschiedenen Gesellschaften, die mit dem Artikel Bond ihr Geld machen,
als typisch Bond vorgeben. Diese Arbeit ist nicht als Huldigung, aber auch
nicht als Parodie gemeint. Es stellt den Versuch dar, auf unkonventionelle
Weise eine Art visueller Forschung zu betreiben, oder auch eine Philosophie
in Bildern.
Zu den einzelnen Filmen sind unterschiedlich viele Zeichnungen entstanden.
Köln, 1993 |